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Im Frühling 2008...

singt Neil Diamond in der nahezu ausverkauften Olympiahalle in München. Die Frankfurter Rundschau spricht von einem „späten Geschenk“, das Neil Diamond seinem Publikum bereitet. Neil Diamond, wer? Ausnahmslos alle Supermarktbesucher sind von ihm schon berieselt worden, bei den Hausfrauensendern im deutschen Rundfunk gehört er zum festen Repertoire:
  • Song Sung Blue,
  • Sweet Caroline,
  • I am ... I said,
  • You Don't Bring Me Flowers (mit Barbra Streisand)
um nur die bekanntesten Songs von Neil Diamond anzuführen. Gassenhauer eben, die unzählige Unterhaltungsbands auf Hochzeiten, im Seniorenheim oder auf einer Ü50-Party spielen – auf der ganzen Welt. Internationalem Erfolg gram zu sein, ist Neil Diamonds Sache nicht. Erfolg hat er, seit den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts übrigens. In jener Zeit, wo die westliche Welt erstmals die Grenzen des Wachstums wahrnahm, wer sind wir und wohin gehen wir, legt Neil Diamond mit der Filmmusik zu Jonathan Livingston Seagull, der Verfilmung von Richard Bachs Die Möwe Jonathan, eine punktgenaue Landung hin. Und nicht nur das: Der ehedem junge Neil Diamond, Baujahr 1941, meint über sich, den musikalischen Leistungen eines Beethoven oder Tschaikowsky auf jeden Fall das Wasser reichen zu können. Hier irrt sich Neil Diamond auf dem ersten Zenit seines Erfolges.

Neil Diamond, ein jüdisches Urgewächs mit Wurzeln in Coney Island, New-Yorker durch und durch, vergisst nie, wo er aufgewachsen ist und wer seine Eltern sind. Die alten Lieder Shilo und Brooklyn Roads (beide von 1968) und New York Boy (1969) zeichnen den Kontext der Herkunftswelt von Neil Diamond, gleichwohl siedelt Diamond um diese Zeit an die Westküste der USA über – Hollywood näher. Zu Beginn seiner musikalischen Laufbahn sieht sich Neil Diamond mehr als Songwriter, denn als Sänger. Wer ist bspw. der Songwriter von I'm A Believer der Monkees? Richtig: Neil Diamond. Das war 1966. Und 1967 schon landet Neil Diamond, jetzt als Sänger, seinen ersten großen Erfolg: Solitary Man.
Pop vom Feinsten ist das, was Neil Diamond in seinen frühen Jahren für andere Interpreten schreibt und/oder selbst singt:
  • I'm A Believer,
  • Kentucky Woman (gibt es auch bei Deep Purple zu hören...),
  • Shilo,
  • Holly Holy,
  • Two-Bit-Manchild,
  • Brothers Love's Traveling Salvation Show,
  • Brooklyn Roads.
Neil Diamond bringt keine Botschaft an sein Publikum, er ist schließlich kein Bob Dylan, stellt seine Person hinter die Musik, will unterhalten. Und das wird ihm grandios gelingen. Die frühen Pop-Geleise verlassend, experimentierend, findet Diamond seinen eigenen Weg: Song Sung Blue, Sweet Caroline und viele andere Songs, im Text eher harmlos aber „fetzig“, folgen. Das Lebensgefühl einer Generation wird Neil Diamond nicht durch seine Musik zum Ausdruck bringen können, das will er auch nicht; und so hat er mit seinen Zeitgenossen, etwa Bob Dylan, Art Garfunkel oder Cat Stevens, kaum etwas gemein. Er ist – im Studio und auf der Bühne – „Perfomancer“, und um das zu sein, muss man experimentieren können. Auf der LP Tap Root Manuscript intoniert Neil Diamond 1970 afrikanischen Folk und Hot August Night, eine Aufnahme des Live-Konzertes von 1972 in Los Angeles am Greek Theatre, gibt einen Vorgeschmack auf den Perfomancer Neil Diamond – hinreißend! 1973 legt er sein Meisterstück ab: Jonathan Livingston Seagull.
Alle drei Produktionen, Tap Root Manuscript, Hot August Night und Jonathan Livingston Seagull, können zueinander unterschiedlicher, abgrenzender gar nicht sein. Es eint sie nur die baritone, weiche und doch scharfe, sehr gut ausgebildete Stimme ihres Interpreten.

Cover: Tap Root Manuscript   Cover: Hot August Night   Cover: Jonathan Livingston Seagull

Tap Root Manuscript

1970

 

Hot August Night

1972

 

Jonathan Livingston
Seagull

1973

Mit der 1976 produzierten LP Beautiful Noise schließlich, knüpft Neil Diamond an seine Zeit als Songschreiber an, an die Tin Pan Alley in Manhattan, wo zahlreiche, unbekannte Songwriter in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Songs und Kompositionen am Fließband an die dortigen Musikverlage abgaben. Auf dem Cover der LP Beautiful Noise schreibt Neil Diamond: „... tin pan alley died hard, but there was always the music to keep you going.“ Hier, gleich einem der ganz wenigen Momente seiner musikalischen Karriere, ist Diamond ganz bei sich: Der Songwriter Neil Diamond singt in eigener Sache. Die Lieder der LP Beautiful Noise bleiben aber zu einem großen Teil weniger bekannt.

Neil hat ein treues Publikum und baut es aus: wieder im Greek Theatre, live in Los Angeles 1976, festgehalten auf der LP Love at the Greek. Der Hit Sweet Caroline – das zeichnet sich in den weiteren Konzerten der kommenden Jahre ab – wird der Renner bei Live-Auftritten und Neil Diamond weiß, wie die Gunst solch kurzer Momente zu packen ist, um das Publikum vollständig an sich zu ziehen, ganz gleich, ob es jung oder älter ist.
Das ist der Nährboden, der zu einem großen Teil den Erfolg von Neil Diamond ausmacht: die Ansprache an alle! In etwa: Was wollt ihr hören? Das Repertoire der Musik von Neil Diamond geht nicht nur in die Länge, sondern auch in die Breite. Einmal mehr zeigt sich hier der Songwriter und Diamond wird auf keine Stilrichtung für immer festzumachen sein. Er beherrscht den klassischen Pop, die Country- ebenso wie die Folk-Musik und hat keine Berührungsängste zum Rock; er ist Liedermacher, Interpret von Soundtracks und klassischen Weihnachtsliedern. Musikalischen Moden verweigert sich Diamond und wird so nicht greifbar, bringt aber gerade auch dadurch das Kunststück fertig, zuweilen Großeltern und deren Enkelkinder zusammen auf seine Konzerte zu locken. Jede Generation hat ihre Musiker, aber umgekehrt scheint das auf Neil Diamond nicht zuzutreffen, ihm fehlt die Generation. Gewissenhafte Fachverkäufer in den einschlägigen Plattenläden wissen zudem nicht, wo sie Neil Diamond unterbringen sollen: Pop? Rock? Oder – um nichts falsch zu machen – Rubrik „Internationale Unterhaltung“? Heute, wo in den CD-Läden nur noch der Anfangsbuchstabe des Nachnamens zählt, sind solche aufreibende Schablonisierungen Schnee von gestern. So wird Neil Diamond ganz sicher unter "D" zu finden sein, D wie Diamond oder D wie Diverse.

In der Verfilmung von The Jazz Singer (1980), mit Laurence Olivier und Lucie Arnaz, stellt Diamond's America nicht nur den Titelsong des Films dar, sondern auch ein Bekenntnis: Neil Diamond liebt sein Land, ohne je Partei zu ergreifen – er ist zuallererst Amerikaner, dann Musiker der die Menschen begeistern will und am Schluß er selbst. Hier übrigens ist Neil Diamond, selten genug, auch als Schauspieler zu sehen.

1982 kommt Steven Spielberg's Extra Terrestrial zu Besuch auf die Erde, das kleine Monster mit dem leuchtenden Herzen - ein Heartlight eben. Millionen von Menschen weinen bei diesem traurig-glücklichen Märchen um einen einsamen Jungen, der Freundschaft schließt mit einem Außerirdischen. Auch bei Neil Diamond bleibt wohl die eine oder andere Träne nicht aus und so produziert er im gleichen Jahr noch die LP Heartlight.


Cover von Heartlight


Gäbe es nicht Spielberg's E.T., käme man auf den Gedanken, Heartlight als eine Fortsetzung der LP On The Way To The Sky von 1981 zu betrachten.
In beiden Studioaufnahmen ist kein mehr die US-Charts aufsteigender Neil Diamond ersichtlich. Seine Lebensmitte naht, die Familie steht, Auskommen und Erfolg sind gesichert. Neil tritt eine Stufe zurück, konzentriert sich auf seine Stimme, reduziert die Instrumente, ist wieder Songwriter in eigener Sache – durch und durch.
Und doch bleibt nach dem durchaus spannenden Beginn der Achtziger ein Gefühl der Müdigkeit hängen, womöglich auch bei dem geneigtesten Neil-Fan. Durchaus ist Neil Diamond produktiv, aber die LP's werden verwechsel-, austauschbar. Da helfen auch die folgenden, nachgeradezu programmatischen LP-Titel nicht mehr weiter, etwa Primitive (1984), Headed For The Future (1986) oder The Best Years Of Our Lives (1988).
Gleich einer Ahnung, daß wohl die „besten Jahre“ vorübergegangen sind, gibt Neil Diamond 1987 in Los Angeles ein grandioses Konzert. Wo dort? Genau, im Greek Theatre! Schon 1972 (Hot August Night) war er dort der aufblühende Stern und hat 1976 (Love at the Greek) auf den gleichen Brettern den Erwartungen, über das Soll hinaus, Genüge getan. Nunmehr, zehn Jahre weiter in Hot August Night II, ruft Neil Diamond seinem Publikum zu: "We recorded an album called Hot August Night in 1972 and now we'll be back in 1986". Wahrlich, Neil Diamond, im Eislaufkostüm, ist wieder da – in der Vergangenheit. Aber dieser rückwärtsgewandte Umstand hat auch eine positive Seite: I am ... I said, Sweet Caroline oder Song Sung Blue erfahren immer und immer wieder eine andere, spannende Live-Interpretation; der Perfomancer hält eben nicht still, denkt gar nicht daran, Evergreens im 1:1-Verhältnis abzuspulen. The show must go on. Diese Methode funktioniert und Neil darf sich seines begeisterten Publikums auf den folgenden Konzert-Touren in den USA und Europa sicher sein.

lm Jahr 1996 produziert Neil Diamond In My Liftime, einen auf drei CD's verteilten Querschnitt durch sein musikalisches Schaffen, von den Anfängen in den Sechzigern bis in die Gegenwart hinein und seine Greatest Hits 1966 - 1992 sind lange Zeit ein Renner in den CD-Shops. Fast wollte man annehmen, das sei es dann wohl gewesen, so nur noch Rückschau stattfindet, würde nicht zur gleichen Zeit sein neues Album Tennessee Moon die US-Charts raufklettern. Wer bisher noch keinen Zugang zu Neil Diamond fand, dem sollte vielleicht jetzt eine weitere Chance gegeben sein, bewegt sich Diamond mit Tennessee Moon doch ziemlich weit in Country-Gefilde hinein.

Das Evergreen Diamond ist gerade auch „Witwentröster“, „Schmusebacke“ oder „Weichspüler“. Was abwertend gemeint ist, verkehrt sich schnell in das Gegenteil. Souverän kann sich Neil Diamond nahezu jedes Etikett anbringen lassen, denn er ist mit seinem über 40 Jahre erfolgreichen Schaffen immer eine Nummer zu groß, um auch nur einem Etikett einigermaßen gerecht zu werden. Vergleiche zu schon verblichenen oder noch lebenden Musikern braucht er nicht zu scheuen. Neil Diamond wird heute schon zu den zwanzig erfolgreichsten Unterhaltungskünstlern gezählt, die es in der amerikanischen Musikbranche je gab: über 120 Millionen verkaufte Alben weltweit. Solch nackte Zahlen zeichnen kein Qualitätsmerkmal, aber sie beschreiben die große Akzeptanz, die Neil Diamonds Musik im Laufe der Jahrzehnte erfahren hat.

Neil Diamond denkt gar nicht daran, aufzuhören. In Zusammenarbeit mit dem Produzenten Rick Rubin bringt Diamond 2005 das Album 12 Songs, im Jahr 2008 Home Before Dark heraus. Beide Alben werden ein großer Erfolg, wobei Home Before Dark den durschlagendsten Erfolg feiert: Platz 1 im amerikanischen Billboard-Chart. Mit weit über 65 Lebensjahren gelingt es Neil Diamond erstmals, die Spitze im amerikanischen Alben-Ranking zu besetzen. Anzunehmen ist, daß dies mehr seine Kassenwarte interessiert, als ihn selbst. Und doch passiert etwas Grossartiges: Neil Diamond ist wieder ganz bei sich! Es gibt nur die weiche, zuweiligen kratzende, jedes weite Tal ausfüllende Stimme des Meisters – und die Gitarre. Mehr bedarf es nicht. Müßig darüber zu spekulieren, wie hoch der Anteil seines Produzenten Rick Rubin gewesen sein mag, Neil Diamond bei solch spartanischem Kontext in Hochform auflaufen zu lassen.

Mit 67 Jahren nochmal auf Europa-Tournee gehen? Aber sicher doch! Hier stehe ich und kann nicht anders, wird Neil Diamond sich vielleicht sagen. Und so steht er am 27. Mai 2008 in München auf der Bühne; Köln, Hamburg und andere große europäische Städte folgen.
Nein, es ist kein „spätes Geschenk“, mehr ein einfaches „Now I'am here again". Der eine oder andere Zuschauer mag sich einer Träne nicht erwehren können, aber damit ist Neil Diamond endgültig in's Herz geschlossen.

N. Diamond in Muenchen 2008 (1)
Neil Diamond in der Olympiahalle in München am 27. Mai 2008 1)

N. Diamond in Muenchen 2008 (2)
Unter Fans: Neil Diamond in München, Mai 2008. 1)

N. Diamond in Koeln 2008 (1)
Neil Diamond im Mai 2008 in Köln. 2)

 


Bildnachweis:
1) Uwe Hölter, 2008
2) Jörg Richmann, 2008


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