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Eine kurze Geschichte zum Volvo 480

Der Volvo 480, liebevoll auch der „Kleine Elch“ genannt, darf heute als ein großartiges Stück automobiler Zeitgeschichte bezeichnet werden. Offiziell wurde der kleine Elch als Volvo 480 ES auf dem Genfer Autosalon im März 1986 vorgestellt; die Planungen und die Entwicklungsphase reichten (unter dem Codenamen E12) bis in das Jahr 1978 zurück. Entwickelt und produziert wurde der 480er von der niederländischen VOLVO-Tochter VOLVO CAR BV in Born (etwa 45 km nord-westlich von Aachen).

Der querliegende Vierzylinder-Reihenmotor mit obenliegender Nockenwelle und elektronischer Benzineinspritzung des 1986 vorgestellten Volvo 480 ES, basiert auf einer gemeinsamen Entwicklung mit RENAULT und wurde auf seine damaligen 109 PS mit 1721 ccm Hubraum von dem PORSCHE-Eintwicklungszentrum im deutschen Weissach begleitet (Motorkennung des Motors von 1986 im Volvo 480 ES: B18 F).

Konzipiert war der 480er, insbesondere der ab 1987 herausgebrachte 480 Turbo, vor allem für die USA; ganz sicher ein Grund dafür, weshalb es neben den Modellen mit manueller Schaltung auch immer die Automatik-Modelle gab (was anderes mögen die Amerikaner nicht...). Hingegen sollte es zum groß angelegten Export des kleinen Elches in die USA nie kommen.

Die Produktion des Volvo 480 zwischen 1986 und 1995 beschränkte sich auf wenige Basis- oder Grundmodelle, diese sind der
  • Volvo 480 ES
  • Volvo 480 Turbo
  • Volvo 480 S

Volvo 480 ES
Volvo 480 ES 1)
Volvo 480 Turbo
Volvo 480 Turbo 2)
Volvo 480 S
Volvo 480 S 3)

Alle drei Basismodelle gab es mit manueller Schaltung als auch mit einem Automatikgetriebe. Als „Versionen“, mehr verkaufsfördend aus Marketinggründen heraus, gab es 1991 das Sondermodell „Paris-Edition“ mit einer paris-blauen Lackierung und MOMO-Sportlenkrad, 1992 den Volvo 480 ES in der „Two-Tone-Version“ (zweifarbige Lackierung), 1994 das Sondermodell „GT“ als Turbo oder 2-Liter-Maschine; 1995 schließlich, dem letzten Produktionsjahr des 480er, die „Collection-Serie", wo dem Turbo- oder S-Modell noch zahlreiche Extras beigefügt wurden und die Händler auf diese Modelle mit Bj. 1995 noch ein bis zur Nummer 480 durchnumeriertes Zertifikat ausgaben. Ein Blick in die gegenwärtigen Gebraucht-Marktpreise der 480er zeigt, daß die GT- und Collection-Versionen den höchsten Wert besitzen.

Von marginalen Änderungen in der Lackierung, der Innenausstattung, den Aussenspiegeln oder der Farbe der Blinkgläser abgesehen, sind die kleinen Elche im Outfit jedoch immer gleich geblieben. Lediglich die Tuning-Version von Hauser konnte die gewohnte Erscheinung der Basismodelle ändern, etwa durch den Spoiler oberhalb der Heckklappe und den Lüftungsschlitzen in der Frontpartie. Das Design änderte Volvo an dem kleinen Elch während der gesamten Produktionszeit, also rund zehn Jahre, so gut wie gar nicht – warum auch vollendete Ästehtik auf's Spiel setzen? Hingegen führten das verstärkte Augenmerk auf die Umweltfreundlichkeit und die Sicherheit eines Automobils auch bei dem Kleinen Elch zu zeitgemäßen Weiterentwicklungen durch VOLVO. Schon früh waren die 480er nur noch mit geregelten Katalysatoren zu haben, geraume Zeit später, zunächst optional, mit ABS und Airbag. Von den Turbo-Modellen abgesehen, änderte Volvo 1993 auch die Motorisierung der kleinen Elche, etwa von dem 1,7-Liter-Motor (1.709 ccm bzw. 1721 ccm Hubraum) auf den 2-Liter-Motor (1998 ccm Hubraum). Optionale Zusatzausstattungen, etwa Klimaanlage, Tempomat oder ein ABS-Traktionskontrollsystem, waren die versteckten Highlights der 480er, hatten aber auf die Form des kleinen Elches selbstredend nicht den geringsten Einfluß.
Über den gesamten Produktionszeitraum hatten alle Modelle des 480er serienmässig u.a.
  • elektrisch verstellbare Außenspiegel
  • Musikanlage
  • elektrische Fensterheber
  • Zentralverriegelung
  • Diebstahlalarm
  • intelligente Innenbeleuchtung bei Betätigung des Türschlosses
  • Türschlossbeleuchtung
  • elektrisch beheizbare Heckscheibe
  • Dreipunktegurte vorne und hinten
Noch viele weitere, auch originelle Features, konnte der kleine Elch schon 1987 serienmäßig aufweisen – vergleichbare Autos anderer Hersteller (bspw. der Toyota-Celica, VW-Scirocco oder Honda-Civic) traten da zu gleicher Zeit nachgeradezu spartanisch auf. Genannt sei hier bspw. noch der automatische Betrieb des Heckklappenscheibenwischer im Rückwärtsgang, wenn die vorderen Scheibenwischer im Betrieb sind oder die verzögerte, automatische Abschaltung der Zusatzscheinwerfer nach 30 Sekunden, um nicht gar in der Dunkelheit den Schlüssel für die Haustür suchen zu müssen....

Solche serienmäßige Extras, von der volvotypischen Bauweise der Fahrgastzelle auf Sicherheit, bspw. durch hochfeste Seitenschutzrohren in den Seitentüren abgesehen, hatten ihren Preis: Ein Volvo 480 ES in der Basisversion, ohne Überführung, kostete 1988 brutto 33.990 DM (umgerechnet etwa 17.379 Euro).

Ein zusätzliches, serienmäßiges Sicherheitsmerkmal, auch bei dem Volvo 480, war der Dreipunktegurt: Der Gurt – wie das heute Standard ist – verlief über Becken und Brustbereich. Es war übrigens der Hersteller VOLVO, der den Dreipunktegurt entwickelt hatte und als Weltpremiere vorstellte; schon ab 1959(!) wurde er serienmäßig in alle VOLVO-Pkw's eingebaut. Und schließlich war es auch VOLVO, wo der erste Kindersitz konstruiert wurde und der – aus grundsätzlichen Sicherheitserwägungen heraus – das Kind bis etwa zum siebten Lebensjahr gegen die Fahrtrichtung setzte. Für die älteren Kinder entwickelte VOLVO Sitzkissen, solcherart, daß bei diesen Kindern der Dreipunktegurt so angelegt werden konnte, daß ein Verletzungsrisiko an Bauch, Brustbereich oder Hals ausgeschlossen war. Solche Sitzkissen waren auch für den 480er zu haben.

Die Innovationsfreudigkeit von VOLVO mit der Produktion des kleinen Elches zeigte sich nicht nur in dem unbedingten Einsatz der Elektronik (bspw. dem „Central Electronic Modul“, kurz CEM genannt als Steuerzentrale), sondern auch darin, dass der 480er der erste „Schwedenstahl“ mit Frontantrieb war – nachgeradezu revolutionär; zudem verwirrte das Design des kleinen Elches gehörig: Keine gewohnten Ecken und Kanten mehr, kein weithin sichtbares VOLVO-Emblem auf dem Kühlergrill. Ganz sicher auch aus dem von VOLVO 1983 vorgestellten Leichtbauprojekt LCP („Light Component Project“) heraus, wo neue Leichtbaumaterialien wie etwa Aluminium oder hochfeste Kunststoffe in der Kfz-Produktion getestet wurden, erhielt der 480er viele Karosserieteile aus Kunststoff; dazu gehören etwa die Motorhaube und die Frontmaske.

Innerhalb seines zehnjährigen Produktionszeitraumes ist der 480er nie ganz aus dem Stadium seiner Kinderkrankheiten herausgekommen. Anfällig ist seine Elektronik und vor allem mag er es im Innenraum, vornehmlich am Grund des Kofferraumes, gerne feucht und nass. So herrscht heute unter den doch zahlreichen Liebhabern des kleinem Elches Einigkeit darüber, daß dieser eine fortwährende Baustelle darstelle. Der kleine Elch biedert sich seinem Herrchen auch nicht an, vielmehr will er umworben werden, verlangt schon in jungen Jahren Austauschteile, ausgiebige Wartung und kann Quelle der Verzweiflung werden, wenn seine Elektronik nicht beabsichtigte Extraeinlagen liefert oder der Motor gerne mal einen unrunden Sound von sich gibt. Das sind eben die Begleiterscheinungen, die mit der Produktion eines vollkommen neuen Autos einhergehen. Der Volvo 480 darf als der direkte Nachfahre des Volvo P1800 ES (auch als „Schneewittchensarg“ bekannt) betrachtet werden. Neben der sportlichen Erscheinung ist bspw. beiden Modellen die nur aus Glas bestehende Heckklappe gemein. Die Karosserie beider Modelle wird als „Shooting Brake“-Variante bezeichnet: Sportwagen mit zwei Türen, langgezogene Motorhaube vorne und steil abfallendes Heck hinten.

Es war der niederländische Designer John de Vries, der über VOLVO CAR BV dem 480er sein unverwechselbares, formvollendetes und wunderschönes Aussehen gab. Das Design besticht durch seine Leichtigkeit in der Erscheinungsform insgesamt und dem Detail im Einzelnen. Der Fahrtrichtung gegenläufige Elemente, zu beobachten etwa bei den vorderen Seitenfenstern oder dem Heckabschluss zur Stosstange hin, geben der Form des Kleinen Elches eine in sich geschlossene, harmonische Dynamik. Sind die Klappscheinwerfer des kleinen Elches, liebevoll auch als ”Glubsch-“ oder „Schlafaugen“ bezeichnet, geöffnet, feiert das Elch-Design seine Höhepunkte: Eine neue Form entsteht und nichts, aber auch gar nichts stört den ästhetischen Genuss im Anblick des nunmehr „vorne offenen“ Kleinen Elches. In der österreichischen Autorevue vom August 1986 schreibt der Journalist Peter Pisecker zum ersten Test des Volvo 480 ES: „Schwer zu sagen, ob er ein schönes Auto ist. Es fehlen einfach die Maßstäbe für diese Art Schönheit, weil die Karosserie zu neu, zu jung und nicht mit irgendeiner anderen vergleichbar ist. Sie steht da wie aus einem Guß, mutig gezeichnet und sauber gearbeitet. Es ist schön, wenn Designer am Reißbrett träumen dürfen.“

Design Volvo 480
Grandioses Autodesign am Volvo 480 4)

Die Produktion des 480er endete 1995, auch, weil eine neue Fertigungskapazität für das neue S40-Modell erforderlich wurde. Ein Verkaufsschlager ist der 480er nie geworden; weder bei der jungen Golf-, Civic- oder Scirocco-Generation noch bei den betuchteren Schichten, bspw. „.... Menschen, die vom Leben das Beste beanspruchen“, wie VOLVO selbst in seinen Verkaufsprospekten die Zielgruppe der 480-Käufer ehedem beschrieb. So eigenwillig der kleine Elch auf dem Automarkt der Achtziger auftrat: Er war einfach zu wenig gewohntes Volvo, schob sich mit seiner Motorisierung nicht in die Königsklasse linker Spur der Autobahn und war preislich besehen schlichtweg zu teuer, um etwa als Zweitwagen für den Kindergartentransfer rmit Mami das Rennen zu machen. Die Generation der 30-40-jährigen die den „individuellen Auftritt“ liebt, war kaum erreichbar, wie VOLVO sich das ursprünglich vorstellte. Obwohl der 480er alle Anlagen dazu hatte, auch eine „Familienkutsche“ abzugeben, fehlte ihm der letzte Schliff, um möglicherweise in dieses Segment einzubrechen: Drei Kiddies sind auf der Rückbank des kleinen Elches nur schwerlich unterzubringen; der Komfort des 480er beschränkt sich, nicht zuletzt durch die die Rückbank teilende Mittelkonsole, auf vier Personen.

Als im Jahr 2007 VOLVO seinen im Design und der Technik durchaus gelungenen C30 herausbrachte, wurde dieses Modell oftmals wegen seiner viel markanteren Ähnlichkeit bezüglich der gläsernen Heckklappe mit dem legendären P1800 ES von VOLVO verglichen. Dass es dazwischen ein anmutiges und innovatives Sportcoupé gab, den kleinen Elch eben, wird gerne übersehen, weil dieser wohl nur einem kleinen Kreis von Individualisten (noch) bekannt ist – genau so, wie VOLVO sich das in den Geburtsstunden des 480er vorgestellt hatte.

Volvo P1800 ES
Volvo 480 S
Volvo C30
Volvo P1800 ES 5)
Volvo 480 S
Volvo C30 6)

Bemerkenwert ist übrigens, daß auch in einem großen Teil der Literatur über VOLVO, der Volvo 480 nur eine jeweils sehr kurze Bemerkung findet. Fast könnte man meinen, die Fertigung des Kleinen, auch weil er nie seinen Weg in die USA fand, stelle einen Betriebsunfall bei VOLVO dar. – Mitnichten: Der kleine Elch ist eines der großartigsten Autos geworden!


Bildnachweis (über www.flickr.com vom 11. April 2009):
1) by maol
2) by carlos62
3) by magnus
4) by brujamavi
5) by mwboeckmann
6) by jonlarge


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